Der Bankierssohn Theobald von Bethmann Hollweg, geboren am 29. November 1856 in Hohenfinow
(Brandenburg), hatte schon früh gefordert, die Arbeiterbewegung in die gesellschaftliche
Ordnung des Kaiserreichs zu integrieren. Als er später die politischen Mittel zur
Bewältigung dieser großen Aufgabe erhielt, scheiterte er. Der brilliante
Verwaltungsfachmann wurde 1899 Obrepräsident von Brandenburg, 1905 preußischer
Innenminister, 1907 Staatssekretär des Reichsamts des Inneren und 1909 als Nachfolger
Bülows Reichskanzler. In der obersten Verantwortung erwies sich der bisher in der zweiten
Reihe geschickt agierende Bethmann als zu schwach den Militärs wie dem Hof gegenüber,
die seine Versuche, etwa um einen Ausgleich mit Großbritannien, hintertrieben und auch
eine geplante Wahlrechtsreform zu Fall brachten. Und als Bethmann dann einmal entschlossen
handelte, trieb er Europa geradewegs ins Verhängnis. In der Julikrise 1914 drängte er
Wien zu militärischem Vorgehen gegen Serbien, um den Konflikt zu lokalisieren. Wie mit
seiner Verachtung für die belgische Neutralität ("Fetzen Papier!") erreichte
er jedoch genau das Gegenteil: Er beschwor den allgemeinen Krieg herauf. In dessen Verlauf
zog er sich dann ganz auf die Innenpolitik zurück. Seine Bemühungen um einen
Brückenschlag zwischen Links und Rechts durch eine "Politik der Diagonale"
verärgerten letztlich beide Seiten und führten 1917 zum Sturz Bethmann Hollwegs, der am
2. Juli 1921 in seinem Heimatort starb.
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